Behinderte Hunde Forum

Zurück   Behinderte Hunde Forum > Hunde mit Handicap > Hunde mit geistigen Behinderungen > Verhalten und Kommunikation

Antwort
 
Themen-Optionen Ansicht
Alt 26.10.2012, 14:15   #1
B-Team
Gast
 

Beiträge: n/a
Standard Er lebt in seiner eigenen Welt - inkl. gefährlicher "Macke"

Hallo,

wie im Vorstellungsthread geschrieben, bin ich durch die Googlesuche hier gelandet. Das Googleergebnis war der Autismus-Thread unten drunter.

Vorab schon ein dickes Sorry für den langen Text... Es ist nicht so einfach, das Verhalten zu beschreiben...

Ich fange mal von vorne an:

Im Juli 2011 habe ich meinem Rottweiler aus dem Tierheim geholt. Zur Vorgeschichte weiß ich nur, dass er seine ersten 4 Jahre bei einer türkischen Familie gelebt hat (muss nichts bedeuten, bitte nicht falsch verstehen, aber ich habe dahingehend viel erlebt).

Als ich ihn die ersten Tage im TH besucht habe, war er so "ignorant", dass es mir kaum möglich war, ihn gezielt anzusprechen. Er "dümpelte" einfach vor sich hin (wo auch 10 Kilo zu viel).
Als ich ein Bällchen nahm, war er plötzlich ansprechbar, aber seine Gassigängerin bremste unser Spiel - vermutlich wusste sie da schon um seine Macke.

Als wir ihn dann nachhause holten und er hier ankam, feierte er erst mal eine Party. Alles was man in der Hand hielt, war selbstverständlich ihm. Die Couch war ihm, das Haus war ihm.
Habe ich ihm natürlich aus dem "Kopf getrieben", er hat es schnell geschnallt und gemerkt, dass er besser durch kommt, wenn er sich an meine Regeln hält.
Soweit so gut.

Er ist lernwillig, und er behält im Kopf, was er gelernt hat.
Er erinnert sich auch an Menschen.
Jetzt kommt aber das große ABER:

Er hat eine Macke! Und zwar eine nicht ungefährliche.
Er Schnappt! Und bei einem Rottweiler kann das unschön ausgehen.

Es ist so, und das bestätigen mir viele, die ihn kennen lernen, dass er in seiner eigenen kleinen Welt lebt.
In dieser Welt ist alles geregelt - von ihm. Das äußert sich dahingehend, dass er bevorzugt Abends (wenn er also eigentlich Ruhen sollte), sich auf den Boden legt und Schatten beobachtet, hütet und jagt.
Man könnte jetzt glauben, dass es Alternativverhalten wäre. Aber dieser Hund wird von mir geistig, wie körperlich ausgelastet!
Selbst meine Hyperaktive Hündin kommt jeden Abend zur Ruhe.

In der Phase seiner "Schattenhüterei" ist er auch nicht ansprechbar. Ich muss ihn dann mit dunkler, böser Stimme und mit Schieben "aufwecken", wenn ich mal an ihm vorbei muss, oder oder.
Versuche, ihm einen festen Platz zuzuweisen, scheiterten dahingehend, dass er sich eben auf diesem Platz in seine Schattenwelt flüchtig.
Und er zieht dieses "Schattenhüten" wirklich STUNDENLANG durch...

Er ist auch mit anderen Hunden sehr unsicher in der Sprache. Er versteht sich blind mit meiner Hündin und liebt einen kastrierten Rüden auf dem HuPla. Aber mit anderen Hunden ist er völlig hilflos und überfordert.
Er will spielen, kann es aber nicht äußern (er stellt sich dabei irgendwie "sau blöd" an). Spielaufforderungen von anderen Hunden sieht er als Bedrängung und sieht mich dann hilfesuchend an.
Am liebsten spielt er mit sich alleine und das mit großer Leidenschaft. Dabei möchte er durchaus auch gerne, dass sich andere an seinem Spiel beteiligen, aber auch da, kann er sich nicht richtig äußern.

Und jetzt zu seinem Schnapp-Problem.
Man könnte denken: Er schnappt, kann man dran arbeiten.
Ist aber nicht so. Denn es gibt keinerlei Ansätze, wieso, weshalb und warum er schnappt.
Er hat keine Zielgruppe und er selbst kriegt diese "Attacken" auch nicht mit.
Er hat just in diesem Moment einen Blackout!

Solange man ihn als Mensch ignoriert, bzw nicht anfasst, ist alles kein Problem - er ignoriert andere Menschen ebenfalls. Aber sobald ihn einer anfassen möchte, lässt er es zwei, drei Sekunden zu. Bei guten Tagen knurrt er, bei schlechten Tagen schnappt er sofort zu, hat aber direkt danach wieder sein freundliches Knuddelface und schickt einen Luftkuss entgegen (Oft fordert er auch Streicheleinheiten intensiv, und dann gibt es wieder einen Blackout).
Er registriert nicht die Person, sondern nur die Hand. Und direkt nach der Aktion ist ihm gar nicht bewusst, dass da eben was passiert ist - er kriegt es wirklich nicht mit!

ICH darf ihn streicheln. Ich darf ihn knuddeln. Ich sehe, dass es ihm oft nicht gefällt, aber er macht mir nix.
Aber andere, selbst im Haus lebende Personen, dürfen das nicht.
Bisher sind es immer nur Blaue Flecken und kleine "Macken" gewesen, die er verursacht hat, da er ins blinde hinein um sich schnappt. Aber meine Mutter hat er bereits zwei Mal richtig erwischt, dass ich das sogar schon einen Biss nennen würde.

Anfangs dachten wir, er hätte Schmerzen, aber dann müsste er ja auch meine Nähe ablehnen.
Dann dachten wir, es ist bei ihm so "programmiert", es ist verankert, er hat gelernt, dass er so immer zu seinem Ziel kommt.
Aber dahingehend erzielen wir auch keinen Erfolg.

Natürlich möchten wir diese "Schnapp-Macke" reduzieren, aber wir haben so gar keine Ansätze. Natürlich befinden wir uns gerade im Maulkorbtraining. In der Hoffnung, dass ER da Sicherheit bekommt, und auch für andere Menschen Sicherheit zu geben (denn leider hat er ein Babyface und JEDER will ihn anpacken).

Irgendwie schreibe ich einen Roman und habe das Gefühl, nicht wirklich auf dem Punkt zu kommen, oder es richtig erklären zu können.

Mit vielen Gesprächen, mit vielen (Hunde-)Menschen sind die Worte "eigene Welt" und "Autismus" gefallen, weshalb ich googlete und den untenstehenden Beitrag fand.
Klar ist der Autismus, wie wir ihn von Menschen kennen, nicht 1:1 auf den Hund auslegbar... aber für uns eine Definition des "abweichendem" Verhaltens.

Wir hoffen einfach, dass es wirklich nur "selbst erlerntes Verhalten" ist, weil er sich selbst einen Existenzssinn geben wollte. Und wir das irgendwie hinbekommen.
Oder aber einfach eine Alternative finden, mit der wir alle zurecht kommen....

Ich hoffe mein Text ist nicht zu lange... es ist wirklich schwer, diesen Hund zu beschreiben....

Vielleicht hat der eine oder andere ähnliche Verhaltensweisen bei seinem Hund und kann mir Tipps und/oder Erklärungen liefern...

Freue mich auf Antworten.

Ganz liebe Grüße,
Tanja mit dem B-Team
  Mit Zitat antworten
Alt 26.10.2012, 15:06   #2
LuckyTino
Gast
 

Beiträge: n/a
Standard

Hallo Tanja,

ich kann dir nicht wirklich helfen, denn mein Hund kommt aus einer anderen "Behinderungsecke" (Fast blind durch PRA, Schilddrüsenunterfunktion, schlechte Sozialisation in rum. Tötungsstation, Angstbeißer...) aber ich habe im I-Net eine Bauchbinde gefunden, die deine Umgebung (zumindest unwissende Passanten) schützen könnte.

http://www.tierhilfelid.de/hilfsmittel.htm

Leider funktioniert der Link zum Shop nicht mehr, aber die Idee finde ich gut.
  Mit Zitat antworten
Alt 26.10.2012, 21:53   #3
Katja
Gast
 

Beiträge: n/a
Standard

Huhu Tanja,

puh, schon heftig. So ein zuschnappender Rotti is ja doch nochmal ne andere Hausnummer...

Die Schilddrüse wird zwar mittlerweile als Erklärung für alle möglichen Probleme her genommen, was so sicherlich auch nicht richtig ist. In eurem Fall würde ich es aber zumindest ausschließen wollen. Ist die Schilddrüse bei ihm schon mal untersucht worden? Falls nicht, würde ich mich an deiner Stelle mal einlesen, ein bißchen was gibts auch hier

http://www.behinderte-hunde-forum.de...=schilddr%FCse

Das Buch "Schilddrüse und Verhalten" von Beate Zimmermann kann ich da nur immer wieder empfehlen. Viele TÄ kennen sich mit dem Thema leider immer noch nicht wirklich aus und erkennen eine SDU erst dann, wenn die Werte schon total im Keller sind. Bessere Chancen hast du da vermutlich bei einem Tierarzt, der auf Verhaltenstherapie spezialisiert ist, solche findest du hier

http://www.gtvt.de/10/verhaltenstier...er-naehe.htm#0

Vielleicht würde denen auch noch ein ganz anderer Ansatz einfallen? Ich würds zumindest mal ausprobieren wollen an deiner Stelle
  Mit Zitat antworten
Alt 27.10.2012, 02:11   #4
B-Team
Gast
 

Beiträge: n/a
Standard

Hallo ihr Zwei,

vielen Dank für eure Antworten.

@Lucky: Danke für den Tipp. Die Idee dahinter ist super, nur leider bei meinem Rotti tatsächlich "nutzlos". Denn so sehr ich auch aufpasse und deutlich sage "Nicht anfassen!" gibt es immer wieder so Hohlköpfe (tatsächlich immer Männer, sorry) die dann grinsen und sagen "Mir wird er nix tun". Das sind Typen, die auch so eine extrem auffällige Bauchbinde gepflegt ignorieren *seufz*
Gerne würde ich bei solchen Typen die Augen verdrehen, mit den Schultern zucken und sagen "Wenn du meinst...". Aber mit einem Rottweiler kann man sich das nicht leisten...

Ansonsten: Willkommen im Club der Ratlosen *grins*

@Katja:
Danke. Also an Schilddrüsen hätte ich tatsächlich auch NIE gedacht. War sehr interessant da mal die Erfahrungen zu lesen.
Ich habe sowieso vor Barry mal untersuchen zu lassen, vor allem an der Kopfregion, denn da ist er ja ganz extrem.
Vielleicht hat er ja doch Schmerzen.... wir wissen leider nicht, was er die ersten 4 Jahre erlebt hat - wie das eben mit Tierschutzhunden so ist..

Wenn Bedarf besteht, und wenn ich darf, würde ich hier gerne weiter berichten, wenn sich was tut (ob negativ oder positiv) ?!

Schönen Abend noch :-)
  Mit Zitat antworten
Alt 27.10.2012, 11:55   #5
LuckyTino
Gast
 

Beiträge: n/a
Standard

Klar, darfst du weiter berichten, selbst wenn es was mit der Schilddrüse zu tun haben sollte, die Verhaltensveränderungen sind immer etwas unterschiedlich....
  Mit Zitat antworten
Antwort

Lesezeichen

Themen-Optionen
Ansicht

Forumregeln
Es ist dir nicht erlaubt, neue Themen zu verfassen.
Es ist dir nicht erlaubt, auf Beiträge zu antworten.
Es ist dir nicht erlaubt, Anhänge hochzuladen.
Es ist dir nicht erlaubt, deine Beiträge zu bearbeiten.

BB-Code ist an.
Smileys sind an.
[IMG] Code ist an.
HTML-Code ist aus.
Gehe zu


Alle Zeitangaben in WEZ +2. Es ist jetzt 04:53 Uhr.


Powered by vBulletin® Version 3.7.4 (Deutsch)
Copyright ©2000 - 2018, Jelsoft Enterprises Ltd.
Template-Modifikationen durch TMS
(c) Behinderte-Hunde-Forum.de